Der Bau der Herz Jesu Kirche

Das kleine Dorf, urkundlich erstmals 1172 erwähnt, war eine bäuerlich geprägte Siedlung; als zu Beginn der Neuzeit die Murschifffahrt aufblühte, gewann es ein wenig an Bedeutung, weil durch den Zufluss des Pölsbaches die Mur ab hier schiffbar war. Um 1840 hatte das Dorf etwa 140 Einwohner, dies sollte sich jedoch rasch ändern.
Im Zuge der Industrialisierung kam im 19. Jahrhundert Hugo Graf Henkel-Donnersmarck (* 26. April 1811 in Siemianowitz, Oberschlesien, † 4. Oktober 1890 in Wien in das Murtal. Als er als 21jähriger im Jahr 1832 die väterlichen Besitzungen in Beuthen/Oberschlesien übernahm, stellte sich schon bald sein Geschick für Landwirtschaft, Tierzucht sowie Schwerindustrie heraus. So errichtete er in Laurahüttedas erste Puddling und Walzstahlwerk auf deutschem Boden. 1846 übernahm er auch die Besitzungen der Familie in Kärnten, vor allem um Wolfsberg und Bad Sankt Leonhard im Lavanttal. Hier reorganisierte er die Stahlindustrie und verlegte sie von Frantschach-Sankt Gertraud im Bezrik Wolfsberg nach Zeltweg, wo er kurz darauf ebenfalls ein Puddling und Walzstahlwerk errichten ließ. Ebenso große Verdienste erwarb er sich um die Gemeinden Frantschach und Wolfsberg.
Mit der so genannten „Hugohütte“ begann nun der industrielle Aufstieg des Ortes Zeltweg. Immer mehr Industrie siedelte sich an, 1875 konstituierte sich eine erste Gemeindevertretung,die „Anbindung an die Welt“ gelang mit dem Bau der Eisenbahnstrecken durch das Murtal bzw. – für die Fabriken von großer Bedeutung – nach Fohnsdorf Aus dem kleinen Ort Zeltweg war ein wachsender und wichtiger Industrieort geworden, der um1880 bereits knapp 2000 Einwohner hatte.
Dieses rasante Wachsen des Ortes hatte natürlich auch Auswirkungen auf das kirchliche Leben. Der Ort Zeltweg war zwar bereits politisch eigenständig, gehörte aber weiterhin zur Pfarre Lind. Zwar wurde 1890 eine Kapelle mit Messlizenz im Gemeindehaus adaptiert, diese war jedoch hauptsächlich für die Schulgottesdienste gedacht, die vier mal pro Woche für die zahlreichen Schüler gelesen wurden. Es war nämlich den Kindern nicht zuzumuten, immer die drei Kilometer entfernte Pfarrkirche Lind aufzusuchen. Als „Kirche“ diente der nebenan liegende Turnsaal.
1880 bat die Ortsgemeinde erstmals um eine eigene Kirche, indem dieses Anliegen beim fürstbischöflichen Ordinariat deponiert wurde. Von diesem Zeitpunkt an begann eine rege Sammeltätigkeit, um das Vorhaben eines Kirchenbaus auf ein finanziell gut abgesichertes Fundament zu stellen. Besondere Erwähnung sollen hier der damalige Pfarrer von Lind, P. Laurenz Nowak, sowie das Stift St. Lambrecht mit Abt Severin Kalcher an der Spitze finden, die mit großer Energie und Einsatzbereitschaft das Projekt unterstützten und vorantrieben. Große Geldbeträge kamen u. a. von der Pongratzschen Stiftung (3000 Kronen), von Seiner Majestät Kaiser Franz Josef (10.000 Kronen), vom Stift Lambrecht selbst (10.000 Kronen), vom Bonifatiusverein Paderborn (3.000 Mark) sowie vom Werksdirektor Jungwirth (1000 Kronen).
Mit der Planung wurde sodann der bekannte Architekt Hans Pascher beauftragt, der bereits des Öfteren für das Stift St. Lambrecht gearbeitet hatte. Der Architekt und Stadtbaumeister Hans Pascher wurde 1858 in der Nähe von Ödenburg geboren. Nach der Matura erlernte er noch das Maurerhandwerk und war danach bei einigen namhaften Architekten der damaligen Zeit im Dienst. Zur Zeit des Zeltweger Kirchenbaus war er der Architekt des Kunsvereins der Diözesen Seckau, Lavant, Görz und Laibach. Einige seiner Arbeiten in der Steiermark seien hier erwähnt: Pischelsdorf (1902), Feldbach (1900), St. Josef in Graz, Weißkirchen (1904), St. Georgen an der Stiefing (1906). 1903 legte er seine Pläne für einen neugotischen Kirchenbau in Zeltweg erstmalig vor. Abt Kalcher soll ausgerufen haben „So eine Kirche möcht’ ich in Zeltweg erbaut sehen.“ Der ursprüngliche Plan wurde zwar noch modifiziert, da die Kirche zu groß dimensioniert war; die Einwohnerzahl sowie die bescheidenen finanziellen Mittel erlaubten keinen allzu großen Bau. Am 1. Dezember 1903 waren die Pläne jedoch vollendet: Mit dem Bau konnte begonnen werden.
Am 6. Dezember 1903 konstituierte sich der Kirchenbauverein in seiner ersten Sitzung. Zum Obmann wurde der Pfarrer P. Laurenz bestellt. Am 13. März 1904 wurde der endgültige Beschluss gefasst, eine Kirche zu bauen. Der Kostenvoranschlag für das (bereits verleinerte) Projekt betrug laut Johann Pärr, Stadtbaumeister aus Knittelfeld, 99.339,50 Kronen. Dieses wurde beschlossen, da der Fonds zu diesem Zeitpunkt über 42.000 Kronen verfügte. Zur Diskussion kam auch die Errichtung einer eigenen Pfarre, und man einigte sich auf folgende Eingabe an das fürstbischöfliche Ordinariat: „Die Gemeinde Zeltweg wünscht, dass womöglich in fünf Jahren, sonst später, aber zu einem bestimmten Termine unter bindender Zusage, Zeltweg eine eigene Pfarre erhalte.“
Die Alpine-Montan erklärte sich bereit, das erforderliche Grundstück für den Bau zur Verfügung zu stellen, wenn die finanziellen Mittel gesichert seien. Von allen Offerten wurde jenes des bereits erwähnten Baumeisters Pärr ausgewählt, so dass nach dem Spatenstich am 10. Juli die Grundsteinlegung am 21. August 1904 gefeiert werden konnte. In der Festschrift zur Kirchweihe heißt es: „Ein Gotteshaus soll erstehen, eine Stätte des Friedens und des Glaubens, und wie ein Weckruf reißt der Gedanke alle empor, belebt sie mit neuem Mute, mit neuer Begeisterung. Viele Bürger leisteten größere Summen, aber auch die Armen trugen das Ihrige bei. Und durch das einige Wirken einer einigen Schar soll das hehre Werk erstehen und Zeugnis geben von dem Glaubensmut, der Opferfreudigkeit und dem Christensinn der Bevölkerung Zeltwegs. Der 21. August war daher ein wahrer Freudentag für die Zeltweger. Es prangten die Häuser im Fahnen- und Blumenschmuck. Die fleißigen Hände der braven Arbeitersfrauen waren unermüdlich im Schmücken und Winden, selbst die Kinder ließen sich nicht zurückdrängen in ihrem Eifer und wer am Festmorgen die Straßen durchschritt, konnte nur staunen über den lobenswerten Eifer der Bewohner.“ Etwa 3000 Menschen waren gekommen, darunter Abordnungen vieler Vereine sowie zahlreiche Schulkinder. Die Festpredigt hielt der Prior von St. Lambrecht, P. Georg Spari. Er erinnerte in seinen Worten daran, dass die Kirche eine Stätte des Friedens, des Glaubens und des Segens sein solle. Abt Severin zelebrierte bei strahlendem Sonnenschein die Festmesse, die von der Bahnkapelle Knittelfeld sowie vom Gesangsverein „Liedertafel“ umrahmt wurde. Mit der Versenkung der Urkunde in den Grundstein fand das Fest seinen Höhepunkt und Abschluss.
Von nun an schritt der Bau rasch und zügig voran, so dass am 20. August 1905 bereits das Turmkreuz geweiht werden konnte. Die Urkunde, in der so genannten Turmkugel verschlossen, enthält folgenden Text: „Dieses Kreuz wurde geweiht, beziehungsweise aufgestellt vom Hochwürdigsten Abt des Stiftes St. Lambrecht Severin Kalcher am 20. August 1905, im 3. Jahr des Pontifikats Sr. Heiligkeit des Papstes Pius X., als Leopold Schuster, Fürstbischof von Seckau, Andreas Krainz, Kreisdechant von Judenburg, P. Laurenz Nowak, Pfarrvikar und Obmann des Kirchenbauvereines, P. Wilhelm Zöhrer, Kaplan in Lind war, im 56. Jahr der glorreichen Regierung Sr. Apostolischen Majestät des Kaisers Franz Josef I, als Manfred Clary-Aldringen Statthalter von Steiermark, Graf Dr. RudolfMeran Bezirkshauptmann von Judenburg, W. Breuer Werksdirektor in Zeltweg, Julius Schuller Bürgermeister von Zeltweg war, in Gegenwart des Architekten Hans Pascher aus Graz. Des Bau- und Zimmermeisters Johann Pärr aus Knittelfeld, Bauleiters Arthur Huber, Zimmerpoliers Franz Premm und der Ausschussmitglieder des Kirchenbauvereines: Obmannstellverteter Georg Tremmel, Dr. Roman Diviak, Werksarzt, Adolf Langer, Oberpostmeister als Kassier, Alois Kortschak, Oberlehrer, als Schriftführer, Andreas Kreiner, Hausbesitzer, Werksingenieur Hablawetz, Werkssekretär Schmutz und der Realitätenbesitzer Salmhofer, Eisenbeitl und Kaltenegger in Zeltweg. Gefertigt zu Zeltweg am 20. August 1905.“
Am 29. Juli 1906 war ein weiterer wichtiger Schritt hin zur Vollendung, die Glockenweihe. Der Abt von St. Lambrecht nahm die Weihe der vier neuen Glocken vor, die den Namen Anna, Josef, Laurentius und Severin erhalten hatten. Gegossen waren sie von der Firma Graßmeier in Tirol, der Betrag von 6000 Kronen war von einem anonymen Spender gestiftet worden. Die Festpredigt hielt der Lambrechter Stiftshofmeister P. Wilhelm Zöhrer, der den Wunsch aussprach, dass die neuen Glocken Frieden hineinläuten mögen in jedes Haus und jede Familie.
Am 18. August dieses Jahres, dem Geburtstag des Kaisers, fand der Bau in der feierlichen Kirchweihe seine Vollendung. Fürstbischof Schuster war aus Graz gekommen, um diesen feierlichen Akt vorzunehmen.
Der Sonntagsbote vom 9. September 1906 schreibt:
„Am 21. August 1904 fand die Grundsteinlegung der Herz-Jesu-Kirche, deren Bau das religiöse Bedürfnis unseres rasch emporgeblühten Industriestandortes dringend erforderte, unter großem Festgepränge statt und heute nach zwei Jahren schon ist die Kirche soweit vollendet, dass am 18. August die feierliche Einweihung durch den Hochw. Fürsterzbischof Dr. Leopold Schuster vorgenommen werden konnte. Von allen Giebeln wehten fahnen. Kranzgewinde und Ehrenpforten mit sinnigen Inschriften schmückten Häuser und Straßen. Besonders ragten in ihrem Schmucke hervor die Häuser Villa Salmhofer, die Häuser Reßmann, Erler und Luigi. Als um 7 Uhr der Einzug des Fürsterzbischofs in die Kirche zur Vornahme der Weihe erfolgte, gaben dem Oberhirten die zahlreich erschienene Geistlichkeit, darunter der Herr Abt von St. Lambrecht, Severin Kalcher, die Vertreter der Ortsgemeinde, die verschiedenen Körperschaften und Vereine und eine überaus große Menschenmenge das Geleite. Der St. Lambrechter Arbeiterverein war aus der Ferne mit seiner Fahne herbeigeeilt. Die Vormittagszüge brachten noch weitere Festteilnehmer. Während sich die Einweihung des Innern des Gotteshauses vollzog, setzte der Festprediger P. Maurus Wildauer aus Seckau der draußen harrenden Menge die Bedeutung und Würde einer katholischen Kirche in wohlgefügter, das Glaubensbewußtsein weckender Rede auseinander. Als nach der Übertragung der heiligen Reliquien das Volk Einlass erhielt, war in einem Augenblick die Kirche besetzt. Ein sehr großer Teil konnte nur von außen dem ersten heiligen Messopfer beiwohnen, das unter großer Assistenz der Fürstbischof darbrachte. Am Chor sangen unter der Leitung ihres Chordirigenten P. Norbert Zechner in trefflicher Weise die Sängerknaben des Stiftes St. Lambrecht, die auch während der darauf folgenden Firmung die Anwesenden mit Liedvorträgen erbauten. Firmlinge wurden im ganzen siebenhundertachtunddreißig gezählt. Beim Mittagstische im Pfarrhof zu Lind sprach Se. F-b Gnaden nach dem Kaisertoast seinen wärmsten Dank aus allen Wohltätern und Gönnern des Kirchenneubaues, namentlich Sr. Majestät dem Kaiser, welcher in hochherziger Weise 10.000 Kronen zum Baue spendete, ferner dem Benediktinerstift St. Lambrecht, das nicht bloß bei Beginn des Baues die gleiche Summe widmete, sondern auch viele und große Auslagen bestritt, ferner dem deutschen Bonifatiusverein, der mit 3000 Mark zu Hilfe eilte. In ehrendster Weise gedachte der Oberhirte des Pfarrvikars von Lind Herrn P. Laurenz Nowack, der noch im hohen Alter die Sorgen und Lasen eines Kirchenbauers auf sich genommen hat, und ernannte ihn in Würdigung seiner Verdienste zum f.-b. Geistl. Rat.“
Nach dieser Schilderung der feierlichen Kirchweihe noch eine Anmerkung zum Herz-Jesu Patrozinium. Diese Frömmigkeit, die ihre in der Mystik des 13. Jahrhundert hat, war nicht zuletzt im 19. Jahrhundert sehr populär. In der Steiermark wurde sie vor allem von Bischof Zwerger gefördert. Weitere dem Heiligsten Herzen Jesu geweihte Pfarrkirchen sind Selzthal, Grundlsee, Mettersdorf und natürlich Graz – Herz Jesu mit der imposanten Kirche.